Robert Lettner 1943 Elne, Frankreich-2012 Wien
Exhibitions
"ROBERT LETTNER. WIDERSTANDSBILDER 1968 - 1979" EINE HOMMAGE ANLÄSSLICH DER 80. WIEDERKEHR DES GEBURTSTAGES VON ROBERT LETTNER (1943-2012)., Kunsthandel Giese & Schweiger, 21.9.-10.11. 2023
Provenance
Archive Robert Lettner"Auf der Suche den gemalten Raum in die Unendlichkeit zu übertragen, entwarf er mit dem Luftpinsel bereits 1968 den Typus des Balkenbildes, der einen markanten Endpunkt und Auftakt in seinem Werk darstellt. Einerseits Endpunkt, da die seit Kasimir Malewitsch und Wassily Kandinsky anhaltende künstlerische Diskussion um den Begriff einer räumlichen Abstraktion mit dem Balkenbild ein vorläufiges Ende fand; andererseits Auftakt, da R. Lettner mit dem Balkenbild jenen Weg der künstlerischen Forschung beschritt, der ihn über Jahrzehnte hinweg zu immer neuen Bildfindungen führte. Hieraus ergibt sich auch die Problematik der Datierung der Balkenbilder. Da die Idee des Balkenbildes bereits 1968 von ihm entwickelt wurde, nahm R. Lettner sich bei späteren Adaptionen des Bildmotivs die Freiheit auch diese Werke mit 1968 und dem betreffenden Jahr der Herstellung zu datieren. Somit ergeben sich bei den späteren Balkenbildern zwei Datierungen. Als R. Lettner in der Galerie im Griechenbeisl im Herbst 1969 die erste Serie seiner Balkenbilder präsentierte, wurde dies von der zeitgenössischen Kunstkritik positiv aufgenommen. Während Karlheinz Roschitz bemerkte, dass »der subtile Kontrast von Form, flimmernder Aura und großer Leere seinen riesenflächigen Bildern ungewöhnliche Spannkraft« verleiht, betonte Oskar Wiesflecker, dass Lettner mit seinen »Raum schaffenden Gebilden« an den Betrachter »große Anforderungen« stellt und eine »geistige Leistung« verlangt, die dieser nur erfüllen kann, wenn er in seinen »Assoziationen provoziert« wird. In seiner längeren Ausstellungsbesprechung gab Kristian Sotriffer eine treffende Beschreibung des Phänomens der gemalten räumlichen Illusion in den Balkenbildern: »In den letzten Bildern gelang es ihm [R. Lettner] mittels einfacher und dennoch aus einem langen Denk- und Arbeitsprozeß entwickelter Mittel, Räumliches unmittelbar in der Weise zu suggerieren, daß man sich als Betrachter aus jenem Raum herausgehoben fühlen kann, von dem aus man in die Tafeln einsteigt. Lettner grenzt helle, modulierte, Licht aufnehmende Flächen durch dunkle Stabstrukturen ein und ab, gliedert sie mit ihrer Hilfe und läßt von ihren Rändern ein schwingendes, zartes Farbspektrum ausgehen, das der hellen Zone Tiefe gibt. Dabei geht er außerordentlich überlegt vor und schafft Ordnungen, deren Hermetik dennoch zahlreiche Zugänge offen läßt.« Die starke räumliche Ausstrahlung der Balkenbilder liegt in der Art und Weise verborgen, wie R. Lettner den Übergang vom Weiß im unteren Bildteil hin zum monochromen Farbfeld des oberen Bildteils schuf. Mittels des Luftpinsels gelang es ihm eine aus den Grundfarben bestehende, nach unten abnehmende im Weiß aufgehende, nach oben in der Farbigkeit zunehmende Körnigkeit zu entwickeln, die schließlich in der Farbe Blau mündet, um einen scharfen Kontrast mit der Farbe des oberen Teils zu bilden. Bewusst ist hier der aus dem Film stammende Begriff der Körnigkeit gewählt, da dieser die unregelmäßige Dichtestrukturierung einer gleichmäßig belichteten und entwickelten Filmfläche bezeichnet und somit dem mittels Luftpinsel geschaffenen Eindruck nahekommt. Am Beispiel von R. Lettners Stillleben erklärten Thomas Sello und Rainer Müller, Restauratoren der Hamburger Kunsthalle, die Luftpinsel-Technik: »Adam Jankowski und Robert Lettner verstehen sich als Meister des Luftpinsels. Gemeint ist nicht der in Mode gekommene air brush, ein für die Malerei entwickeltes Sprühverfahren, in der Regel mit einer Dose. Sie haben ihre Technik in den 60er Jahren in einer Autolackier- werkstatt entwickelt, und bis heute arbeiten sie mit den schweren Geräten der Autoindustrie: Sprühpistole und Kompressor. Bei diesem groben Verfahren bleibt die Bewegung der Farbpartikel sichtbar und der Wind, durch den die Farbe auf die Leinwand geschleudert wird. Im Zentrum des Luftstroms malt die Sprühpistole durch die Dichte des Farbauftrags scharf; an den Rändern ist die Zeichnung von diffuser Unschärfe. Ein weiteres Element der Handschrift sind die durch Abdecken mit Klebestreifen entstandenen Schnitte, deren unregelmäßige Grate an den Rändern die Perfektion des Luftpinsels aufheben. Man sieht es besonders deutlich an den Spiralen auf Robert Lettners Stilleben 1974.« Ob der obere Bildteil der Balkenbilder nun in Weiß, Schwarz, Rot, Gelb oder Türkis gehalten ist, spielt hierbei eine eher untergeordnete Rolle, denn immer erinnert das Ergebnis dieser Serie an einen Horizont. Im Katalog Philosophie der Landschaft wurde die dort abgebildete Serie von R. Lettner als Balkenbil- der Horizonte bezeichnet und somit kann der Bezug zum Leitthema der Landschaft hergestellt werden.
Hatte R. Lettner sein Grundmotiv des Balkenbildes 1968 festgelegt, folgten in den kommenden Jahren zahlreiche Varianten. Neben den vorherrschend in Weiß gehaltenen Gemälden mit geometrischen Formen, die einzeln oder gruppiert auftreten können, tritt eine zweite Serie mit einem höherem Anteil an schwarz übersprayten Bildflächen. Um die Grenzen einer malerischen Unendlichkeit auszuloten, experimentierte R. Lettner mit beiden und fertigte stille und kraftvolle Sehstücke. In den nachfolgenden Jahren behielt er das horizontale Grund- motiv des Balkenbildes bei, variierte aber immer wieder den oberen farbigen Teil mit einer Farbpalette, die von Neon bis Pastell reicht. So dominieren beispielsweise um 1981 tiefe, beinahe in der Bildmitte platzierte Horizont- linien mit diversen Rottönen. 1990 greift er die Motive der Balkenbilder neuerlich auf, diesmal steht jedoch das Serielle im Vordergrund und es entstehen hochformatige Gemälde, die durch schwarze rahmenartige Strukturen miteinander verbunden sind. Die letzten Balkenbilder entstehen 2003 und weisen einen extrem schmalen zumeist dunklen oberen Horizontteil auf. Der Beschäftigung mit der Unendlichkeit zugrunde liegt die Begeisterung für die Kunst der illusionistischen Deckenmalerei des Barock, die R. Lettner sowohl in Salzburg als auch in Wien kennengelernt hat. Diese Faszination, das Dreidimensionale mit den Möglichkeiten des Zweidimensionalen zu bestimmen, war einer der Gründe um künstlerisch tätig zu werden, denn, wie R. Lettner offen sagte: »Bilder waren für mich immer Abenteuer, weil ich sie nie durchschaut habe.« Welchen Stellenwert der Bildtypus des Balkenbildes im Schaffen R. Lettners einnimmt, wird sichtbar, wenn man den Einfluss des Balkens auf die frühen Landschaften, auf die Serien der Farbpartituren und die sich hieraus ergebenden Formen der seriellen Raster anschaut. Ihnen allen dient das Balkenbild als Impulsgeber und führt zu einer steten Weiterentwicklung der künstlerischen Formensprache."
Harald Krämer, Robert Lettner. Das Spiel vom Kommen und Gehen, Klagenfurt 2018, S. 42-43.