ROBERT LETTNER. SMILE, BABY, SMILE
Kann ein Lächeln ein Akt des Widerstands sein?
In der Serie „smile, baby, smile“ wird das Gesicht zum Medium der Verweigerung. Den historischen Anker bildet eine Geste der radikalen Bildstörung: 1971 torpedierte die RAF-Terroristin Margrit Schiller ihre erkennungsdienstliche Erfassung, indem sie auf dem Polizeifoto die Zunge zeigte. Robert Lettner isoliert diesen Moment des Ungehorsams und überführt ihn in eine kollektive Strategie. Er rückt sein privates Umfeld in das starre Raster der Fahndung, um die Logik der bürokratischen Erfassung von innen heraus zu unterwandern. Fernab jeder Sympathiebekundung für die historische Figur oder deren Ideologie gilt Lettners Interesse der rein formalen Sprengkraft dieser Geste: Er löst sie aus ihrem ursprünglichen Kontext und übersetzt sie direkt in den künstlerischen Prozess. Dieser beginnt im Intimen. Basierend auf Polaroids seines Freundeskreises überträgt Lettner Momente privater Nähe mittels Luftpinseltechnik auf die Leinwand. Durch diesen medialen Transfer verlieren die Porträts ihre messbare Schärfe. In der räumlichen Inszenierung entfaltet die Serie eine fast sakrale Paradoxie: Während die strenge, rasterförmige Hängung die Ästhetik der staatlichen Registrierung zitiert, emanzipieren sich die Porträts durch ihre Präsenz. Die Gesichter hüllen sich in eine vibrante Unschärfe, die das Kollektiv dem Zugriff entzieht. Dieses Lachen ist kein Ausdruck von Amüsement; es ist eine subversive Komplizenschaft gegen die systematische Vermessung. Aufgereiht im Format einer Wand aus Steckbriefen, wird der individuelle Gesichtsausdruck zum Werkzeug, um die eigene Souveränität zurückzuerobern. Die Malerei lässt die Konturen dabei förmlich atmen – wo die Fotografie den Moment einfriert und fixiert, lässt Lettner die Gesichter oszillieren. Es ist eine Ästhetik des Entgleitens. Was in den 1970er-Jahren als Antwort auf die Rasterfahndung begann, entfaltet heute eine neue Brisanz. In einer Ära, in der algorithmische Mechanismen das Individuum in mathematische Vektoren zerlegen, wirkt das Lächeln als Störsignal. Während moderne Emotions-KI versucht, Gefühle zu quantifizieren, provoziert dieses Lachen ein Rauschen im System. Es bricht mit der Norm des Lichtbildes und entzieht der Gesichtserkennung die Grundlage. Lettners Serie ist ein zeitloses Plädoyer für die Unverfügbarkeit des Einzelnen – ein Schutzwall aus Mimik, der offenbart: Diese Gesichter gehören nur sich selbst. (Text: Markus Lettner, 2026)
