Robert Lettner 1943 Elne, Frankreich-2012 Wien
Exhibitions
"ROBERT LETTNER. WIDERSTANDSBILDER 1968 - 1979" EINE HOMMAGE ANLÄSSLICH DER 80. WIEDERKEHR DES GEBURTSTAGES VON ROBERT LETTNER (1943-2012)., Kunsthandel Giese & Schweiger, 21.9.-10.11. 2023Provenance
Archive Robert LettnerKompromisslos wandelt sich die Leinwand hier zum Schauplatz einer gesellschaftlichen Demontage. Das Relikt bürgerlicher Festkultur wird durch eine radikale Sprühtechnik einer harten Revision unterzogen. Mit der Ästhetik der Straße wird die akademische Ordnung unterwandert und die Spannungen hinter der glänzenden Oberfläche freigelegt. Im Zentrum steht die Agraffe, jenes Drahtkörbchen, das den Luxus des Schaumweins bändigt. Monumental vergrößert und ins Skulpturale überführt, behauptet das Objekt eine beklemmende Präsenz. Erst die französische Bezeichnung »Muselet« vollzieht die entscheidende Wendung: Die etymologische Nähe zur »Muselière«, dem Maulkorb, entlarvt das metallene Korsett schlagartig als repressives Werkzeug. In dieser Metamorphose wandelt sich das Bild zur Metapher des Klassenkampfes. Nicht die Vergänglichkeit des Lebens steht hier im Fokus, sondern die des sozialen Friedens. Die spröde Textur aus Schleifspuren und Farbrinnseln verleiht dem Werk die Struktur einer verwitterten Hauswand, aus der das Motiv wie ein ausgeblichenes Graffito hervortritt. Mit dem Kürzel »Ro 74« besetzt die Malerei den Galerieraum nach der Logik der Straßenkunst: Es ist eine territoriale Markierung, die den bürgerlichen Ort als Terrain einer sozialen Auseinandersetzung reklamiert. Die soziale Kluft erscheint als gärende Energie – ein Druck, dessen Entladung das Gefüge bereits im Moment der Betrachtung zu sprengen droht. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Korken knallen.