GISELA STIEGLER: TOKIOISMUS
„Das Nachdenken über kunstimmanente Fragestellungen ist immer auch ein Nachdenken über die menschliche Existenz“
„Das Nachdenken über kunstimmanente Fragestellungen ist immer auch ein Nachdenken über die menschliche Existenz“, beschreibt Gisela Stiegler ihren künstlerischen Zugang. Für die österreichische Künstlerin bedingt dieser Nachdenkprozess auch eine Reflexion über den architektonischen Rahmen und den historischen Kontext, in dem ihre Arbeiten präsentiert werden. […] Gisela Stiegler setzt sich in ihrem bildhauerischen Werk seit einigen Jahren mit den zahlreichen Formen und Symboliken dieses seit der Antike „tragenden“ Stilelements der Säule auseinander. […] Industriell hergestellte Zylinder und Reifen aus Polystyrol erlauben es ihr, die Elemente frei zu kombinieren, um proportionale Verhältnisse verschiedener Säulenordnungen auszuloten. […] In Verbindung mit dem auratischen Raum wirkt die Skulptur wie die surreale Verkehrung einer seit der Antike existierenden Form von freistehender Säule, die als Weihgeschenkträger in Heiligtümern aufgestellt war. […]
Ursprünglich als Malerin ausgebildet setzte sie sich bis 2005 mittels inszenierten fotografischen Schwarz-Weiß-Stillleben mit Fragestellungen um Fläche und Raum, Licht und Schatten sowie Realität und Illusion auseinander. Schließlich verselbständigten sich die gemalten geometrischen Hintergründe ihrer Fotografien und fanden als geschnitzte Reliefs den Weg an die Wand. Zunächst in Bezug zu ihren Fotografien, vorwiegend in Schwarz-Weiß oder mit silbermetallischen Farben lackiert als Bildobjekte an die Wand rückgebunden, setzte der allmähliche Einsatz von poppigen Farbkontrasten ein Nachdenken über Volumen, über Körper und die Wirkung der Farben in Gang. Mit scharfen Messern und kraftvoll-konzentrierten Hieben schnitzte die Künstlerin tief in das weiche Material und schuf Objekte von berückender Lebendigkeit. Das Licht fängt und bricht sich in den Einkerbungen, die grellbunten Farben verstärken die voluminöse Wirkung dieser Reliefs, während der geschlossene Farbauftrag den Körper wieder in die Fläche rückbindet. Die Emanzipation des Objekts von der Wand hin zur freistehenden Skulptur im Raum war nur konsequent und verstärkte die Reflexion der Künstlerin über das Verhältnis von Skulpturen untereinander und ihren Bezug zur Architektur und deren Betrachtern.“
(Auszüge aus einem Text von Fiona Liewehr, 2021, in: Parnass 4/202I)
